Frankensteins Traum wird wahr

von ANDREAS SENTKER

 

Aus normalen Körperzellen können Forscher nun die Kopie eines Menschen herstellen. Darf das sein? Die Nachricht von der Existenz des Klonschafs Dolly löste im Februar 1997 einen weltweiten Schock aus. Was Forscher als Sensation feierten, war für viele andere ein dramatischer Eingriff in die Natur – mit womöglich weitreichenden Folgen: Gibt es bald geklonte Menschen? Was schien nach Dolly nicht alles denkbar: kranke Väter, die genetisch identische Söhne als Organspender heranzüchten lassen. Kranke Hirne, in denen der Wunsch übermächtig wird, das Leben nach dem Tod im neuen Körper fortzusetzen. Existenzielle Fragen stellten sich: Darf ein Mensch zu einem nützlichen Zweck geboren werden? Ist er dann ganz Mensch?

Was bedeutet die Möglichkeit der humanen Kopie für die Einzigartigkeit jedes Menschen, auf der seine unantastbare Würde beruht, egal, wie sein Körper beschaffen, egal, wie er gezeugt ist? Gibt es Menschen, die wertvoller sind als andere und einer Vervielfältigung würdig? Große Magazine ließen auf ihren Titelseiten Einstein-Dubletten und Marilyn-Monroe-Klone, aber auch Dutzende Hitler-Kopien aufmarschieren, gerade so, als seien diese in den Labors schon in Arbeit.

 

Die Forscher wollen keine Menschen klonen – und schüren doch die Angst

 

Nur langsam setzte sich die Erkenntnis durch, dass die Visionen von der Wirklichkeit weit entfernt sind. Die öffentliche Debatte war dem tatsächlichen wissenschaftlichen Fortschritt Lichtjahre voraus. Bald erschöpfte sie sich mangels konkreter Anlässe, schlief schließlich ganz ein und hinterließ beim Publikum das Gefühl, sich erledigt zu haben. Klonen? Das Thema ist doch von gestern. In solchen Phasen öffentlichen Desinteresses finden oft genau jene Umbrüche erst statt, deren mögliches Eintreten Jahre zuvor so erschöpfend diskutiert wurde. Wie in dieser Woche: Amerikanische Forscher melden in der Fachzeitschrift Cell, ihnen sei es erstmals gelungen, menschliche Embryonen aus normalen Körperzellen zu klonen.

 

Was jahrelang ein Gedankenspiel war, könnte nun Wirklichkeit werden: die Neuauflage eines Menschen. Nicht dass die Forscher bereits geklont hätten. Im Gegenteil: Sie haben die kugelförmigen Embryonen nicht in eine Gebärmutter übertragen, sondern sie in ihre Zellen zerlegt. Diese embryonalen Stammzellen teilen sich nun im Labor weiter und lassen große Hoffnungen wachsen: Sie sollen Ersatzgewebe bilden, das vom Patienten nicht mehr abgestoßen wird. Sie sollen bisher unheilbare Krankheiten heilen. Sie sollen die nächste Revolution in der Medizin einläuten. Die Forscher argumentieren, die Klonexperimente seien nötig, um die vielen noch offenen Fragen zu klären, die es vor einem breiten therapeutischen Einsatz von Stammzellen zu beantworten gelte. Ihnen gehe es zuallerletzt darum, Menschen zu kopieren. Dennoch werden nun die alten Ängste wieder wach. Und die Stammzellforschung, die in Deutschland ohnehin umstritten ist, wird wieder ins Licht der öffentlichen Aufmerksamkeit gerückt.

 

Kannibalismus hat man den Wissenschaftlern schon vorgeworfen: Für vage Heilsversprechen opferten sie die Würde des Menschen, töteten womöglich sinnlos unzählige Embryonen. Dagegen monierten die Forschungsbefürworter, ein Zellhaufen im Labor werde höher geachtet und strenger geschützt als das heranwachsende Kind im Mutterleib. Andere hielten angesichts der zahlreichen verheerenden Krankheiten, um deren Linderung es geht, die Forschung an menschlichen Embryonen geradezu für ethisch geboten.

Dabei existierten in der bisherigen Debatte nur Stammzellen, die aus überzähligen menschlichen Embryonen gewonnen wurden. Noch lange nach Dolly waren menschliche Klone, war die bewusste Schaffung einer embryonalen Kopie unmöglich.

Doch die Klontechnik machte Fortschritte. Forschern gelang es, Ziegen und Rinder, Mäuse, Katzen und Hunde zu klonen. Heute werden Kopien wertvoller Nutztiere und liebenswerter Haustiere routinemäßig im Labor gefertigt. Dabei lernten die Forscher, wie sich der Prozess umkehren lässt, der aus einer einzigen Zelle auf wundersame Weise einen Körper mit komplexen Geweben aus Abermillionen Zellen bildet. Wie sich alte Zellen auf Wiederanfang programmieren lassen, auf offenes Schicksal, auf großes Potenzial. Kurz: wie der biologische Jungbrunnen funktioniert.

 

Wie der biologische Jungbrunnen funktioniert

 

Gegenwärtig führen drei Wege zu den begehrten Stammzellen, bei jedem fällt die Abwägung zwischen Biologie und Ethik etwas anders aus:

  • Weltweit haben Wissenschaftler unzählige Zellkulturen aus Embryonen erzeugt, die bei einer künstlichen Befruchtung der werdenden Mutter nicht eingesetzt werden konnten und quasi "überzählig" waren. Die Hoffnung der Forscher: Einige Hundert unterschiedliche Kulturen könnten reichen, den weltweiten Bedarf an Stammzellen zu decken. Braucht ein Patient solche Zellen, wird wie bei einer Organspende das Gewebe typisiert – und die passendste Kultur ausgewählt. Der Nachteil: Perfekt passen die Zellen nie zum Empfänger.
  • In Tierversuchen haben Forscher molekulare Faktoren identifiziert, die eine erwachsene Zelle wieder auf jung trimmen – es sind erstaunlich wenige. Solche im Labor "induzierten" Stammzellen können verschiedene Zelltypen bilden. Pluripotenz nennen Forscher diese Fähigkeit. So ließe sich aus Körperzellen des Patienten frischer Zellersatz züchten. Die Einschränkung: Wie wandlungsfähig die Zellen wirklich sind und wie stabil die von ihnen gebildeten Gewebe, muss sich noch weisen.
  • Der Durchbruch der Amerikaner macht jetzt theoretisch jene omnipotenten Zellen verfügbar, von denen Forscher träumen. Es sind Zellen, die nicht nur einzelne Gewebe, sondern einen ganzen Menschen bilden könnten. Praktisch müsste man dazu den Embryo in eine Gebärmutter einsetzen. Therapeutisch versprechen diese Zellen den größten Nutzen.

Omnipotenz statt Pluripotenz, ist dieser Gewinn den hohen ethischen Preis wert, den wir für diese Forschung zahlen? Rechtfertigt das den heiklen Umgang mit menschlichen Eizellen, die umstrittene Zerstörung einer Zellkugel, die immerhin das Potenzial hat, ein ganzer Mensch zu werden?

 

Die neuen Erkenntnisse sollen – so argumentieren die Wissenschaftler – letzte Unsicherheiten der Stammzellgewinnung ausräumen. Diese Grundlagenforschung an geklonten Embryonen könnte womöglich gerade dazu beitragen, dass die Nutzung von Embryonen überflüssig wird. Die Ablösung heikler Therapieversuche durch ethisch weniger anstößige ist bei den induzierten Stammzellen bereits zum Teil gelungen – in diesem Jahr starten in Japan die ersten klinischen Studien.

 

"Es ist alles ein Traum. Ein Albtraum, wenn Sie mich fragen"

 

Doch der Preis des Wissens ist hoch. Denn schon jetzt haben die Forscher nicht nur ihre Erkenntnisse erweitert, sondern auch den Weg zum ersten geklonten Menschen geebnet. Der wird eher keine Diktatorenkopie sein, möglicherweise aber ein Designerbaby mit optimierter Gen-Ausstattung. Denn die Stammzellen eines Embryos lassen sich problemlos genetisch verändern. Mit der Dolly-Technik, darauf wies Dollys wissenschaftlicher Vater Ian Wilmut schon vor Jahren hin, ließe sich aus den modifizierten Zellen wieder ein Embryo herstellen. "Im Moment ist das bloß ein Traum", sagte Wilmut in der ZEIT. "Ein Albtraum, wenn Sie mich fragen."

 

Der Traum, der Albtraum ist näher gerückt. Wilmuts Einschätzung zeigt, was angesichts der Neuigkeiten aus den USA jetzt notwendig ist: eine weltweite Ächtung des reproduktiven Klonens. Bisher hat gerade Deutschland gemeinsam mit einigen anderen Staaten ein solches Klonverbot boykottiert. Mit der uns eigenen Gründlichkeit wollten wir nicht nur das reproduktive Klonen zur Züchtung von Menschen, sondern auch noch das therapeutische Klonen zur Produktion von Stammzellen verbieten lassen. Gegen diesen Rigorismus setzten sich unter anderem die Briten zur Wehr. Ergebnis: Bis heute kam gar keine UN-Resolution gegen das Klonen zustande, sondern nur ein rechtlich nicht bindendes Verbot von "allen Formen des Klonens, die nicht mit der menschlichen Würde vereinbar sind".

 

Jetzt ist die Zeit für eine neue globale Initiative gekommen. Das therapeutische Klonen zur Erzeugung von Stammzellen wird sich angesichts der divergierenden ethischen Auffassungen in den verschiedenen Staaten nicht verbieten lassen. Für ein striktes Verbot des reproduktiven Klonens zur Erzeugung von Designermenschen ließe sich aber vermutlich rasch eine Mehrheit organisieren.

 

Ein Mensch als zweckgebundene Schöpfung aus dem Labor? Als genetisch geformtes Produkt gesellschaftlicher Erwartungen oder individueller Wünsche? Biologisch sind solche Wahnvorstellungen der Wirklichkeit näher denn je. Wir müssen dafür sorgen, dass sie nicht wahr werden.

 

Andreas Sentker (Zeit)

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