Warum Menschen am Leben scheitern und die Politik dafür verantwortlich sein soll

von FLORIAN PASTERNY

 

"Unzufriedenheit ist der erste Schritt zum Erfolg", sagte Oscar Wilde. Aber damit allein lässt sich der allgmeine deutsche Pessimismus und die Hau-Drauf-Politik der Gesellschaft nicht erklären. Wir sind eine Nation voller Jammertitten geworden. Alles ist uns teuer, zu langsam, zu langweilig oder zu wenig - die Eigenverantwortung moddert vor sich hin. In einem Land wo alles von der Wiege bis zum letzten Furz eines Menschen durchdacht worden ist, wo wir seit über 70 Jahren ohne Krieg leben, wo niemand wirklich auf der Straße leben muss und wo es den Menschen besser geht als in 194 anderen Staaten dieser Welt, haben wir das Gefühl stets am Abgrund zu leben und das Leben selbst nicht wirklich genießen zu können.

Herkunft ist Schicksal – nicht mittels der Genetik, aber mittels der Biochemie. Armut ist nicht, wie Rilke meinte, „ein großer Glanz aus innen“, sondern ein Verbrechen an unseren Kindern. Der Charakter bleibt bis ins Erwachsenenalter durch Erfahrung formbar. Liebe und Fürsorge durch Eltern oder Erzieher können den Stress der Armut lindern. Man tut aber der überwältigenden Mehrheit der Eltern, Lehrer und Erzieher bestimmt kein Unrecht, wenn man feststellt, dass sie niemals gelernt haben, wie man Charaktere erzieht. Die meisten haben zwar gelernt, wie man mit Frustrationen umgeht, sonst wären sie nicht dort, wo sie heute sind. Aber die Dauerfrustration vieler Menschen, mit dem besten Willen der Welt am scheinbaren Unwillen der anderen zu scheitern, halten die wenigsten aus. Und die Politik soll schuld daran sein.

 

1913 waren es die Juden. 2013 sind es die Politiker. "Eine Gesundung unseres Volkslebens, und zwar aller seiner Gebiete, kulturell, moralisch, politisch, wirtschaftlich, [...] ist nur möglich, wenn der jüdische Einfluß entweder ganz ausgeschaltet oder auf das Maß des Erträglichen, Ungefährlichen zurückgeschraubt wird." Der Autor Heinrich Claß hatte vor 100 Jahren offensichtlich keine Zweifel, wer für die Misere der Gegenwart, ihre "moralische Entartung" und den "Raubbau an Rassekraft und Volksgesundheit" verantwortlich sein musste. Und heute - 100 Jahre später - wird die Schuld wieder woanders gesucht. Die FDP, die Kanzlerin, die SPD oder die einfachen Abgeordneten in den verschiedenen Stadträten - sie sind schuld warum Menschen am Leben scheitern? Das ist nicht nur falsch sondern auch ziemlich eklig gedacht. Die Eigenverantwortlichkeit geht doch nicht flöten, wenn man in einem Land wie Deutschland lebt. Man sollte sich daher öfter mal fragen, was man für sein Land tun kann, statt ständig darauf zu geiern was unser Land für einen selbst tun kann.

 

Betreuungsgeld, Erhöhung der sozialen Bezüge wie ALG2 - der Staat gibt schon mächtig Feuer. Und dennoch wird gemeckert und Verantwortung abgegeben. Und das schlimmste: Es wird manipuliert. Menschen, die jammern, müssen nicht immer die Schwachen sein. Hier werden oft andere für die eigene Unzufriedenheit verantwortlich gemacht. Ein jammernder Partner gibt die Verantwortung für eine gesunde Partnerschaft ab. Er sagt mir: "Mach du mich glücklich!" Auch die nölende Kollegin, die uns zu verstehen gibt, dass sie viel zu viel zu tun hat und deswegen wieder eine Arbeit nicht übernehmen kann, die ein anderer erledigen muss, manipuliert. Es geht darum, das zu erkennen, und sich zu sagen: "Das mache ich nicht mit!"

Wie gefährlich oder auch hilfreich ist das Jammern?

In gewisser Weise ist das Jammern und Meckern aber auch hilfreich. Unsere Angst vor der Zukunft führt nicht nur dazu, dass wir besonders sparsam, sondern auch besonders eifrig im Geldverdienen sind, was zum Wirtschaftswachstum führt. Aber wir sehen auch einen wichtigen Faktor in dem preußischen Obrigkeitsdenken. Das Wertesystem, das auf preußischen Tugenden basiert, kennt vor allem Unterwerfung, nicht aber Kreativität, Eigenverantwortung und Spontanietät. Und in diesem kollektiven deutschen Unterbewusstsein steht nicht gerade der Optimismus im Vordergrund, sein Leben selbst in die Hand nehmen zu können, sondern das Bedürfnis, jemanden zu finden, dem ich die Verantwortung übergeben kann. In dieser deutschen Sehnsucht nach Sicherheit sehe ich einen wesentlichen Grund dafür, dass ein vermeintlicher Retter wie Hitler die Macht übernehmen konnte. Die NPD spielt heute noch gerne mit dieser Angst und Suche nach Sicherheit.

 

Hier muss einfach Vertrauen neu entfacht werden und die Menschen müssen verstehen, dass es uns noch zu gut geht. Doch dieser Umstand wird nicht ewig bleiben, wenn wir aus Angst Verantwortung abgeben, nicht mehr wählen gehen oder Idiotie betreiben und Linke, Piraten oder NPD wählen. In einem Appius Claudius Caecus, dem römischen Konsul der Jahre 307 und 296 v. Chr., zugeschriebenen Gedicht heißt es: „fabrum esse suae quemque fortunae“ - jeder sei der Schmied seines Glücks. Liberalismus statt Unterwerfung. Eigenverantworung statt Jammerei. 

 

Florian Pasterny

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Kommentare: 2
  • #1

    Markus (Dienstag, 22 Januar 2013 14:14)

    Wie traurig aber so wahr. Sie haben einen Nerv getroffen den nicht jedem schmecken wird. Auch ich beobachte schon länger die anhaltende Meckerei über alles und jeden, aber nie über oder an sich selbst.

  • #2

    Kleene (Dienstag, 22 Januar 2013 17:41)

    Wie Wahr wie Wahr! Aber es ist auch nicht ganz Wahr das die Gesellschaft der Politik an erster Stelle die Schuld gibt! Veränderungen brauchen Zeit und dieser Artikel kann ein erster Denk Anstoß sein!Wenn jeder Mensch etwas mehr auf sich schauen würde und weniger darauf was andere Menschen haben oder nicht haben würde es allen Menschen besser gehen.Denn dann würde jeder durch Selbstreflexion erkennen das jeder seine eigene Welt erschafft und nur was man sich selbst zugesteht und selbst gibt kann man in anderen von anderen bekommen! Alles eine Spiegelung! Man könnte soviel dazu sagen/schreiben ABER eins ist ganz KLAR. Was wichtig ist: Verantwortung für sich selbst, viel Selbstvertrauen, ein größt mögliches Selbstwertgefühl und Bewusstsein! :-)

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