Fifty Shades of Scheiße

von JULIA NOLTING

 

Gequältes Stöhnen und leises Wimmern aus dem Schlafzimmer gestern Nacht – ich gebe zu: Das war ich. Nicht jedoch, weil ein supersexy Multimillionär mit sadistischen Neigungen seine Spielchen mit mir tieb, sondern weil der letzte Band der Fifty Shades of Grey- Trilogie mir Qualen bereitete.

 

Ich möchte gar nicht ausführlich darauf eingehen, welches Frauenbild diese Romanreihe vermittelt. Einzig sei gesagt: Anscheinend lassen sich Frauen auch heute noch gerne wie unmündige Kinder behandeln, solange der Mann nur reich und gutaussehend genug ist.

Hauptcharakter Christian Grey als neues Sexsymbol der Literatur?
Och kommt schon Mädels...
Seid ihr wirklich so heiß darauf, euch von einem krankhaft eifersüchtigen Kontrollfreak in einen goldenen Käfig sperren zu lassen?
Selbst wenn die Protagonistin so eindrucksvoll beschreibt, wie Mr. Grey ihr einen Orgasmus nach dem anderen beschert, sollten Frauen nicht den Preis einer vollkommenen Selbstaufgabe für ein befriedigendes Sexleben bezahlen müssen.


Überhaupt schockiert mich die Darstellung der Trilogie in den Medien.
Wie kann man Bücher als SM-Literatur anpreisen, in denen der Handlungsverlauf die sadomasochistischen Neigungen des männlichen Hauptcharakters in immer schlechteres Licht rückt, nur um sie am Ende als gar krankhaften Fehler abzutun?

Schon die Rolle der Protagonistin im 1. Band entspricht alles andere als der einer Liebhaberin der etwas härteren Erotik.
Ein kurzer Ausflug in die Handlung:
Auch wenn beide Charaktere sich auf eine „Blümchensex-Beziehung“ geeinigt haben, möchte SIE seine dunkle Seite kennen lernen. Er jedoch ahnt, dass sie das Spiel mit Dominanz und Lustschmerz überfordern würde.
Was tut also das nie zufriedene Weibsstück? Hört nicht auf zu betteln und zu flehen, ehe er schließlich nachgibt. So kommt die einzige wirklich „harte“ (...) Szene der ganzen Trilogie zustande: Er schlägt Sie mit einem Gürtel.
Jedoch ist das Resultat genau wie von ihm befürchtet: Nervenzusammenbruch ihrereseits und Ende der Beziehung!
Natürlich wird ER als schuldig angeprangert. Dass er nur ihren zweifelhaften Wünschen nachgekommen ist, tut in dem Fall nichts zur Sache.
Wo bliebt hier die Eigenverantwortlichkeit?
„Mädel, es ist doch nicht seine verdammte Schuld, wenn du nicht damit klarkommst, was du dir wünschst, also hör auf rumzuheulen!“ Das war mein letzter unfreundlicher Gedanke, bevor ich damals den ausgelesenen ersten Band wütend in die Ecke gepfeffert habe.

Band zwei und drei beschäftigen sich dann neben einiger arg konstruiert wirkender Irrungen und Wirrungen hauptsächlich damit, den Hauptcharakter von seinen Neigungen zu „heilen“. Die in der Vergangenheit liegende sadomasochistische Beziehung Christian Greys zu einer älteren Frau wird hier als „Kinderschänderei“ verteufelt.
Toleranz und Verständnis kann seine Auserwählte kaum aufbringen. Wie soll auch eine 23-jährige Jungfrau etwas von sexueller Identität verstehen, wenn sie selbst noch keinerlei Erfahrungen gesammelt hat und ihrer eigenen Sexualität hilflos gegenübersteht?
Je näher das unvermeidbare „Happy End“ rückt, desto mehr zügelt und leugnet Grey seine Neigungen. Für Leser(innen), die noch nie zuvor in Berührung mit SM gekommen sind, scheint dies zum einen der ultimative Liebesbeweis, zum anderen die psychische Gesundung eines Mannes mit schwerwiegendem Kindheitstrauma zu sein.
Die „SM-Romanreihe“ bläst also letztendlich in das selbe Horn wie all jene, die in Sadomasochismus eine „Störung der Sexualpräferenz“ sehen, vollkommen blind gegenüber der Tatsache, dass das Prinzip von SM-Sessions auf der Basis von „safe, sane and consensual“ (sicherheitsbewusst, mit klarem Verstand und einvernehmlich) keinerlei Grund zur Verurteilung gibt.
Für jeden, der die sexuelle Identität seiner Mitmenschen in all ihrer Andersartigkeit respektiert, ist diese Buchreihe ein Schlag ins Gesicht, da hier eindeutig nur dem Mainstreamgedanken gefolgt wird.
Nur zahme Ausbrüche sind noch im Bereich des Akzeptierbaren. So ist sanftes Fesseln mit einer Krawatte okay, Handschellen (hart und hinterlassen Striemen) direkt ein Grund für Selbstvorwürfe des Fesselnden, obwohl beide Spielarten der gefesselten Person große Lust bereiteten.
Ist nicht schließlich die Lust das, worauf es beim Sex ankommen sollte?
Ob diese Lust nun durch Schmerz, Dominanz, Unterwerfung, Lack, Leder, Kerzen, Romantik, Massagen oder einfach den Akt selbst befriedigt wird; es gibt hier kein richtig oder falsch, solange es in der Einvernehmlichkeit aller Teilnehmer geschieht.
Für Selbstverleugnung ist das Schlafzimmer (oder auch das Spielzimmer) eindeutig nicht der beste Ort. Ebenso sollte Sex nicht á la Shades of Grey als Universallösung aller Beziehungsprobleme betrachtet werden! Im Klartext: Ficken ist nur ein relativ zeitlich begrenzter Konsensus!

Um zum Ende nochmal auf mein nächtliches Leseabenteuer zurückzukommen:
Persönlich übel nehme ich der Autorin, dass sie die einzige vielversprechende Sexszene im dritten Band ruiniert hat. Die Protagonistin(,) gefesselt an einem Andreaskreuz und verwöhnt von Grey. Leider ereilt sie bei dem sündigen Spiel der „Orgasmusverweigerung“ ein Weinkrampf, der jegliche Erotik so nachhaltig abtötet, dass auch nachfolgende (Blümchen-) Sexszenen mich kalt gelassen haben.

Also bitte liebe Medien: Ein Softporno für Hausfrauen ist noch lange kein SM-Roman!
Das einzige sadomasochistische an diesem Roman ist nur, dass er passagenweise so schlecht ist, dass es wehtut.

 

Julia Nolting

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Kommentare: 8
  • #1

    Lara Stein (Samstag, 24 November 2012 21:33)

    Interessante Sicht der Dinge. ich habe nur band 1 und 2 gelesen. Ich empfinde es ähnlich und leider fangen mich die beiden Hauptfiguren in Band 2 an zu nerven. Das sollte einem Autoren eigentlich nicht passieren.

  • #2

    Cynthia (Samstag, 24 November 2012 21:35)

    Nun gibt es bereits 2 Autoren dieser Seite die sich mit Shades of Grey auseinander setzen. Beide kommen zum gleichen Entschluss und beide erkennen den Diskussionswert einer solchen Geschichte. Ich finde eure Arbeit hier super und lese jeden Artikel mit größter Spannung. Danke Frau Nolting und Herr Pasterny in diesem Fall für die beiden Artikel zu diesem spannenden Thema.

  • #3

    Grüne (Samstag, 24 November 2012 21:36)

    Super geschrieben.

  • #4

    Waldemar Pabst (Samstag, 24 November 2012 22:29)

    Es gibt Bücher, die lese ich nicht. Diese gehören dazu. Das liegt natürlich nicht an meiner gefestigten Sittlichkeit, von der zu fürchten ist, dass davon nicht viel übrig ist, sondern daran, dass ich mir sie genau so vorgestellt habe, wie die Autorin sie schildert. SM aus der Perspektive des süddeutschen Musicaltouristen, der wochenends in langen Kolonnen über die Reeperbahn zieht und sich dabei furchtbar verrucht vorkommt. Da kann nichts bei rauskommen. Dachte ich immer. Jetzt habe ich meine Bestätigung. Meinen Dank an Julia Nolting.

  • #5

    Steffi K (Samstag, 24 November 2012 23:45)

    Ich liebe diese Frau...endlich jemand der nicht sabbernd von den "tollen verruchten smRomanen" berichtet und wie böse diese doch sind...

    Kindergarten sag ich...und ich bin nicht allein...eine verschandlung eines anfänglich so vielversprechenden Buches über grenzwertige Praktiken...

    Wenn man mit dem Feuer spielt muss man damit rechnen das man sich verbrennt...und wenn man einen Mann bittet seine 'Neigungen' an einem auszulassen muss man sich nicht wundern wenn man Erfahrungen macht denen man nicht gewachsen ist...

    Davon ab...miss steele hätte in dem besonders gut ausgestatteten spielzimmer von mr grey weitaus schlimmeres widerfahren können als mit einem Gürtel 'verhauen' zu werden...
    Eine äußerst sanfte Behandlung in anbetracht der großen Auswahl an Möglichkeiten...

    Vielen vielen dank für diesen Beitrag

  • #6

    T. (Samstag, 24 November 2012 23:49)

    dieses verkackte Buch! Ich könnte mich stundenlang über diese verkommene Beziehung aufregen! Und HAUPTSACHE die drückt noch kurz vor Schluss ein scheiß Kind raus! Was soll das?!
    Ach Julchen, du bist mein Held

  • #7

    Linda (Sonntag, 25 November 2012 03:35)

    Das Buch hängt fest auf Rang 1 der Bestsellerlisten. Und weil die Rezension darüber schreiben, wie schlecht es sei, gibt es genug Neugierige, die überprüfen müssen, ob die Kritiker recht haben… und so zieht sich das fort... Nun, es ist halt schlicht ein Märchenbuch, ein rotes Paradies, für die stumme Mehrheit der unzähligen Sub- und Maso-RomantikerInnen im Dornrösenschlaf… Es gibt wesentlich schlechtere Bücher auch wesentlich bessere… Ob da die Macht der Großverlage eine Rolle spielt? Bestimmt!
    BTW, der geniale Marquis de Sade hat bereits „alles“ gesagt zu diesem Thema

  • #8

    Hok (Freitag, 27 September 2013 23:14)

    Lest "Safeword".Dieses Buch ist wenigstens realistisch(zumindest wurde es von einer echten Domina geschrieben).Nicht wie dieser Schinken.

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