Deutscher Rapper: zwischen religiösen Wahn, Hass, Gewaltaufruf und Führerkult

von SASCHA ZIRNSTEIN

 

In meiner Kindheit war ich fasziniert von dem damaligen Eishockeytrainer der bundesdeutschen Nationalmannschaft. Ich hatte zwar weder Zugang zu dieser Sportart noch zur Bundesrepublik ob eines unüberwindbaren “Schutzwalls” und der Tatsache, dass es im Osten nur zwei Eishockeymannschaften gab: Berlin und Weisswasser. Warum also war ich von diesem fremden Mann so fasziniert? Es war sein Name.

In meiner späteren Jugend faszinierte mich noch ein Mensch. Ein Rapper, Songwriter, Sänger, Musiker. Ich hatte zwar wenig Zugang zu diesem Musikstil, akzeptierte ihn nicht als Element des Hip Hop, verortete ihn irgendwo in eine eigene Sparte namens “Mädchen-Gesäusel mit guten Beats”, jedoch war ich sehr angetan von seiner Art, Themen wie Liebe in Worte zu fassen. Und dann noch seine Stimme! Respekt!

 

Doch hörte ich nicht nur seine Liebeslieder, wie beispielsweise “Nicht von dieser Welt” oder “Wo willst du hin”, da waren auf einmal auch völlig andere bisher im deutschen Radio ungehörte Songs. Lieder, die verpackt in modernen “Beats und Styles” auf jedem Evangelikalen-Kongress als Opener gespielt werden könnten.

 

“1000 Jahre sind ein Tag / in der Welt, aus der ich herkam, in dem Leben, wie ich’s mag / glaubt mir wenn ich sag’ dass ich mich manchmal selber frag’ / wie ich eure Art, mit mir und meinen umzugehen, ertrag’ / doch ich schätz’es is’n bisschen mehr Weitsicht und ‘n bisschen mehr Sinn / für die Blinden und die Tauben, die nicht wissen wer ich bin / denn in wenigen Tagen wird sich einiges erklären / und selbst die, die mich nicht ehren, werden sich nicht länger wehren / Ref: ich hab’ gute Aussichten durch weise Voraussichten / ihr könnt allen ausrichten, es ist die Zeit des Mannes mit / guten Aussichten durch weise Voraussichten / ihr könnt allen ausrichten, es ist soweit”. – aus “Gute Aussichten”

 

Und diese Songs gab es zuhauf. Weichgespülte Predigten im Glanz der Moderne. Mit dem gestreckten Zeigefinger am Mikrophon, der sagen will: “Denkt mal drüber nach!” Die Kombination Popstar und Kanzelprediger konnte ganze Heerscharen von feuchtäugigen Mädchen in die sakralen Konzerthallen treiben. Kein Wunder, denn da gab es jemanden, der in seinen Liebesliedern genau die Stimmungslage der Pubertierenden ansprach, die lernen mußten, mit Liebeskummer, Trennungsschmerz und Gefühlsachterbahnen fertig zu werden, der aber gleich im nächsten Song “das Eiapopeia vom Himmel” vorträgt, “womit man einlullt, wenn es greint, das Volk, den großen Lümmel.” Und die Girls kauften die Platten und dazu auch die süssen Kreuzchen für ihre Kettchen. Naidoo war wohl der bestbezahlte Priester der Jahrtausendwende. Ein Rattenfänger mit Basecap.

 

Und nun schnappt er sich seinen neu erkohrenen Homey Kool Savas und produziert – auf der Welle seiner zugegebenermaßen sehr erfolgreich laufenden Show “The Voice of Germany”, in der er den Doktortitel (Dr. Ton) und damit eine weitere gesellschaftliche Reputation erhält – sein neues Album XAVAS – Gespaltene Persönlichkeit.


Der Titel ist Programm – gewollt UND ungewollt: “Skandalrapper” Savas rappt ein wenig gezähmt und Naidoo säuselt in seiner Doubletake-Manier seine Texte runter. Nichts weltbewegendes, nichts neues, nichts, worüber man reden müsste. Mädchen und Jungs (Savas featured geschickt auch für den “echte Männer”-Markt) kaufen die Platten. Und wer nach dem 15. Song namens “Lied vom Leben”, in dem von Schöpfung, Aufarbeitung, Vater-Sohn-Beziehung und von Seele erzählt wird, die CD aus dem Player wirft, verpasst wohl den Naidoo und den Savas, den wohl niemand so kennt. Im “Hidden Track” lasse die beiden mal richtig die Sau raus:

 

“Ich schneid’ euch jetzt mal die Arme und die Beine ab, und dann ficke ich euch in den Arsch, so wie ihr es mit den Kleinen macht. Ihr tötet Kinder und Föten. Ihr hab einfach keine Größe und eure kleinen Schwänze nicht im Griff. Warum liebst du keine Möse, weil jeder Mensch doch aus einer ist?”

 

“Okkulte Rituale besiegeln den Pakt mit der Macht, Teil einer Loge getarnt unter Anzug und Robe. Sie schreiben ihre eigenen Gebote.”

 

Dramaturgisch geschickt wird zum Ende des Songs noch eine pseudodokumentarische Sequenz eingespielt, die die Notwendigkeit der geforderten Peinigung der “Täter” aufzeigen soll. Naidoo macht nicht halt davor, unreflektiert und im Strom der Stammtisch-, NPD- und Til Schweiger-Manier das Lied “Hängt ihn höher” zu vertonen. Den Mob hinter sich wissend fordert er offen zu Gewalt auf, bedient homophobe Ressentiments: Kindermörder sind schwul und Schwule haben pädophile Gelüste. Und dem nicht genug reiht er sich ein in die Riege der Verschwörungs-Kreischer.

 

Das ist der wahre Rapper mit der Maske. Xavier Naidoo reißt sie sich vom Gesicht – sicher auch getrieben von seinem eigenen Erleben: Naidoo wurde als Kind ebenfalls als Neunjähriger missbraucht. Wer so oft “das Gute” verkündet, muss auch “das Böse” benennen dürfen. Doch eben dieser Dualismus ist es, der Naidoos begrenzten Horizont offenbart. Es gibt eben nur Schwarz und Weiß. Da hat der Mannheimer mal ganz tief ins Klo gegriffen. Und es überrascht nicht, dass er nunmehr eine Anzeige wegen “Aufrufs zur schweren Körperverletzung und zum Totschlag und wegen Volksverhetzung” am Hals hat. Ein anders Kaliber als die üblichen Strafanzeigen gegen deutsche Rapper, wie z.B. wegen Angelns ohne Genehmigung, die unlängst gegen Sido und Bushido gestellt wurde.

 

Xavier Naidoo hat sich so ziemlich ins Aus geschossen. Wer kann ihm seine schwülstigen Halleluja-Texte denn heute noch abnehmen? Oder zeigt sich nicht auch gerade hier, dass hinter der Fassade des Glaubens-Verkünders nicht doch auch das Schauderbild des religiös verblendeten Wahnsinnigen versteckt, welcher, wenn es darauf ankommt, dann doch das Schwert erhebt gegen allen Unbill dieser Welt?

 

Wie komme ich eigentlich auf Eishockey? Ach ja – der Trainer hieß Xaver Unsinn! Den Namen hätte sich Naidoo spätestens seit seiner neuen Scheibe verdient.

 

Sascha Zirnstein

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Kommentare: 1
  • #1

    Sascha Zirnstein (Mittwoch, 27 März 2013 21:51)

    Wie kommt der Artikel hier rein?
    War mir nicht bewußt, hier Gastautor zu sein.
    LG Sascha

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