Von einer die auszog den Sklavenfriedhof von Sweet Briar zu finden…

von ANASTASIA POSCHARSKY-ZIEGLER

 

Ein Aufenthalt in der Künstlerkolonie in Amherst/Virginia brachte mich in Kontakt mit dem in direkter Nachbarschaft gelegenen Sweet Briar College. Auf der Anlage einer ehemaligen Tabakplantage (mit dem Namen „Süßer Dornbusch“) wurde hier 1901 das private Mädchenausbildungsinstitut des „Old South“ gegründet, das unter den einhundert besten Colleges der USA zur Spitze zählt, als zweite Bildungseinrichtung des Landes überhaupt einen Ingenieurlehrgang für Studentinnen anbot.

„Think is for Girls“ lautet das Motto der Anstalt, dass der eitle Dekan sogar auf dem Nummerschild seines silbernen BMW Z5 verewigt hat. Die offizielle Farbe der Mädchenschule ist pink. Barbiepinke Fahrräder stehen überall auf dem Campus herum. Unter den 735 Schülerinnen, die sich selbst „Vixens“ nennen, befinden sich auch ganz vereinzelt einige afro-amerikanische Schülerinnen. „Sweet Briar Frauen lügen nicht, betrügen nicht, stehlen nicht, und verletzen nicht die Rechte von anderen,“ lautet der Ehrenkodex für alle. Warum muss man das eigentlich so betonen? Sind das nicht selbstverständliche zivile Grundsätze?

Die Einfahrt vom Highway 29 durch ein Laubwäldchen mit Rhododendronbüschen  wird von unübersehbaren pinkfarbenen Bannern geschmückt. Im Abstand von einigen Metern heißt es hier:  Think.    Examine.    Search.    Explore.    Question.    Engage.    Imagine.   Succeed. Doch dann kommt eine tiefe Querrinne, die mit dem Hinweis „Prepare to Stopp“ nicht nur die Dynamik der Fahrzeuge abzubremsen scheint...

Mindestens zweimal die Woche komme ich während meines sechswöchigen Aufenthalts in Virginia auf den 13 Quadratkilometer großen Campus: hier gibt es neben einem Glockenturm und einer Kirche, das kleine Café Daisy,  ein Post Office, einen Laden für Schreibwaren, und die Cochran Library, die uns Schriftstellern aus der Künstlerkolonie unsere Manuskripte gratis und in Windeseile ausdruckt.  

Von Anfang an, ist mir der problematische Hintergrund dieses Campus mit seiner südstaatenherrlichen roter-Ziegelstein-weiße-Säulen-Architektur bewusst. Entworfen vom gleichen Architekten, der auch die Militärakademie Westpoint und die Eliteuniversität Princeton gestaltete (Ralph Adams Cram), wurde diese Plantage von Elijah Fletcher, dem Bürgermeister von Amherst im 19. Jahrhundert einst mit 100 Sklaven bewirtschaftet. Nach dem Tod der einzigen Tochter Daisy suchte die Witwe Indiana Fletcher Williams nach einer neuen Bestimmung für das große Areal. Nun können hier Mädchen konservativer reicher Familien (auf dem Parkplatz ist einmal auch ein Lotus-Sportwagen zu sehen) an der Akademie wohlbehütet Bachelor-Studiengänge in einem weit gefächerten Angebot von Naturwissenschaften, Pädagogik, Sprachen, Kunst und Wirtschaft absolvieren. Sport wird groß geschrieben: neben einem gut bestückten Reitstall (mit zwei neuen gut aussehenden Reitlehrern), einer großen Schwimmhalle, Außensportanlagen und zwei Seen, wird gerade eine neue Sporthalle gebaut, bei der sich die Fußbodenbeläge je nach Sportart in Windeseile auswechseln werden lassen.
 
Ich suche hinter der hochglanzpolierten Schulfassade nach den Spuren der alten Plantage. Eine übergroße Stars-and-Stripes Flagge weht neben dem Glockenturm im Herzen des Campus so stolz, als werde jeden Moment der Präsident des Landes erwartet. Dieser neue farbige Präsident schwor seinen Amtseid auf die Bibel des Abraham Lincoln, des Präsidenten der um der Sklaverei der Südstaaten ein Ende zu setzen einen blutigen Bürgerkrieg führen musste, dessen Narben bis heute nicht geheilt sind. Die Welt kennt die Namen der eigentlich unbedeutenden Nester in Virginia, an denen sich die Nord- und Südstaatenarmeen zerfleischten, und das Farmhaus in Appomatox, in welchem die Kapitulation der Südstaatenarmee zu Papier gebracht wurde ist kein Gedenkort hier, sondern eine „No-Go-Zone“.

In einem Sweet-Briar-Prospekt zum lokalen Minimuseum mit historisch so bedeutenden Hinterlassenschaften der Plantagenbesitzerfamilie Fletcher wie ein Damenfächer oder silbernes Fischbesteck,  finde ich einen kleinen Hinweis auf einen „Slave Burial Ground“, der verschönernd mitunter auch „Plantation Burial Ground“ genannt wird. Es soll einen Plan geben, der im Museum erhältlich ist. Doch das Museum hat immer geschlossen, wenn ich an seine Tür komme. Wo auch immer ich nach diesem Begräbnisplatz frage, begegnen mir Nichtwissen, Kopfschütteln oder Schulterzucken. Nicht nur beim mit kurzen Hosen und Flip Flops bekleideten akademischen Nachwuchs in Pink, auch beim langjährigen Personal der verschiedenen Einrichtungen. „Ja, wissen Sie denn nicht, dass dies einmal eine Plantage mit Sklaven war?“ frage ich in die erstaunt aufgerissenen Augen der jungen Poolaufsicht hinein. „Das hier war nicht immer ein Mädchen-College!“
Obwohl hier Fächer wie History und International Affairs angeboten werden wird geschichtliches Problembewusstsein in Sweet Briar anscheinend nicht sehr groß geschrieben. Nicht mal zu einer Zeit wo seit wenigen Monaten, seit dem 20. Januar 2009 eine afro-amerikanischen Familie in das Weiße Haus in Washington eingezogen ist, das auch von Sklavenhänden errichtet wurde. Ist die Nachricht vom neuen Präsidenten Barack Obama hier im Süden Amerikas überhaupt wahrgenommen und verstanden worden?  

Heute ist inzwischen ungefähr das zehnte Mal, dass ich nach Sweet Briar komme. Diesmal sitzt neben den zwei albernen Collegegirls erstmals eine kompetent wirkende Sekretärin  in der ehrwürdigen Library. Ich frage Sie nach dem „Burial Ground“. Sie geht mit keinem Wort auf das Objekt ein, verspricht mir aber einen Lageplan des Campus auszudrucken. Da bin ich aber gespannt! Einen Lageplan des Sweet Briar Campus habe ich mir schon vor der Reise zu Hause ausgedruckt, und keinen Hinweis auf die letzte Ruhestätte der Sklaven gefunden. Ich warte. Fast eine Viertelstunde. Falls das Taktik sein sollte, werde ich Ausdauer beweisen und  heute nicht aufgeben. Bis zum Dinner in der Künstlerkolonie sind es noch über drei Stunden, eine Stunde brauche ich zum Laufen,  und vielleicht habe ich wieder mal Glück und es ergibt sich eine Mitfahrgelegenheit. Ich habe also Zeit.

Wartend blicke ich mich um in den Vorzimmern der Cochran Library. Ich entdecke, dass sich die Tütenaugen des türkisbeleuchteten Chamäleons in seinem Käfig neben dem Drucker, tatsächlich bewegen. Das ist also gar keine Plastikminiatur. „Fergus“ lebt!  Da biegt auch schon strahlend die Sekretärin um die Ecke und zeigt mir zwei farbig ausgedruckte Pläne in verschiedenen Maßstäben mit allen College Trails, Naturschutzgebieten, den beiden Seen – und einem Sternchen für den „Plantation Cemetery“. Dieser Plan ist größer und genauer, als derjenige auf der Homepage, auf dem man den Sklavenfriedhof gar nicht ausfindig machen kann. „You have to follow the Boathouse Road!“ bekomme ich mit bestimmtem Ton noch von der Dame als Ratschlag mit auf den Weg, der fast eine halbe Stunde dauern und mich an der ehemaligen Villa des Plantagenbesitzers, dem gelb-weißen „Sweet Briar House“ samt daneben liegender Sklavenhütte aus weiß gestrichenem Holz vorbei führen wird.  

Hier ist es einsam, hier fährt kaum ein Auto, gibt es überhaupt kein pinkes Campus-Fahrrad mehr, schlappt wohl niemals eine Collegestudentin am frisch gemähten Rasen vorbei. Ein Reh steht mitten im See, das Wasser geht ihm bis zum Bauch. Ungläubig starrt es mich an, macht nicht die geringste Anstrengung für einen Fluchtversuch. Menschen haben in diesem Gebiet des Campus nichts verloren, scheint es mir standhaft mitteilen zu wollen. Mein Ziel ist nah: nur noch den  roterdigen steilen Feldweg hinauf in ein Wäldchen, vor dem ein kniehohes zugewachsenen Holzschild den „Slave Burial Ground“ anzeigt, und schon stolpere ich in ein verwahrlostes Arial aus flüchtig gerodetem Wald, aus dem man nicht einmal die Baumstümpfe entfernt hat. Ich suche ein Kreuz, irgendetwas woran mein Auge sich zwischen Gras und Gestrüpp festhalten kann. Ich finde nichts.    
 
Das ist kein „Plantation Cemetery“, wie er auf dem Campus Plan heißt,  kein Friedhof, sondern eher ein „Burial Ground“, ein Begräbnisplatz für Sklaven, verscharrt zwischen Baumwurzeln wie Tiere, die man nicht geliebt hat.
Rote Walderdbeeren leuchten über dem  unebenen Boden, der schauderhafte Blicke in den löchrigen Untergrund freigibt. Nichts kennzeichnet die einzelnen Grabplätze, nichts weist auf Namen, auf Menschen hin.  Zwei unbearbeitete brotlaibgroße Feldsteine stehen aufrecht in der Erde. Etwas weiter finde ich auf einen Haufen geworfen kurze Holzpflöcke, die Nummern tragen. Ich erkenne eine 23. Man hat sie erst vor kurzer Zeit herausgezogen aus ihren Positionen, und falls das Waldunkraut weiter wuchert, wird der Platz bald schnell in Vergessenheit geraten. Dann wird auch der niedrige, nicht allzu große Gedenkstein mit der Bronzetafel verdeckt sein. „Sacred Resting Place of Unknown Founders who labored to build what has become the Sweet Briar College. We are in their debt.“ Heißt es da schön und dürftig formuliert. „Geheiligter Ruheplatz der unbekannten Gründer, die daran arbeiteten, aus dem das Sweet Briar College wurde. Wir stehen in ihrer Schuld.“  Ich muss die Hände zu einem spontanen Gebet falten.
Die verzweifelte Traurigkeit dieses ungeliebten Ortes erfasst mich so bleischwer, dass ich fast handlungsunfähig werde.
Ich blicke noch einmal auf die reifen roten Walderdbeeren.
Ich kann keine einzige von ihnen pflücken.

 

Anastasia Poscharsky-Ziegler

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