CDU und CSU, ihre Parteifreunde und Moralvorstellungen: Es stinkt!

von HOLGER DOETSCH

 

Das Meer. Das Meer beruhigt uns, wenn wir am Strand spazieren gehen und unsere Gedanken fließen lassen. Wir schauen in die Ferne und spüren dann so etwas wie Freiheit, während sich die auslaufenden Wellen idyllisch ans Land anschmiegen. Manchmal aber begehrt das Meer auch auf und erinnert uns dann vielleicht an die Irrungen und Wirrungen unseres Lebens, an all die Aufs und all die Abs, die uns ja ausmachen im Leben und auch prägen. Das alles schenkt uns die Natur, doch ausgerechnet im Land zwischen den Meeren, in Schleswig-Holstein also, gibt es keine Idylle.

Schleswig-Holstein - das Bundesland verbindet man mit parteiübergreifenden Skandalen, mit politischer Instabilität, dem Heide-Mörder und Barschel sowieso. Ein einziges Hauen und Stechen herrscht da, in dessen Gemengelage nun erneut jemand zu Fall gekommen ist: Christian von Boetticher (40), der im Mai 2012 für die CDU die Nachfolge von Ministerpräsident Peter Harry Carstensen antreten sollte, hat seine Demission eingereicht wegen einer bereits länger zurückliegenden Beziehung mit einer 16-jährigen. Da ließ sich sogar die seriöse und alles in allem unaufgeregte FAZ dazu hinreißen, von "Affäre" und "Skandal" zu berichten. Das Problem: Es gibt keine Affäre und schon gar kein Skandal, allenfalls die Liebe zwischen zwei Menschen, die - warum auch immer - keinen Bestand hatte und also vorbei ist.


Hier wird allenfalls von interessierter Seite aus eine Affäre konstruiert und eine Beziehung, für die manche kein Verständnis haben mögen, auf üble Art und Weise skandalisiert. Dabei liegt der eigentliche Skandal darin, dass hier einmal mehr Partei"freunde" ihren Spitzenmann feige ans Messer, sprich an die Bild-"Zeitung" geliefert haben, jenem Blättchen, das ja bekanntlich die grösste und mächtigste Anstandsbibel dieses Landes ist.


Von Boetticher ist also verraten worden von kleinen und niederträchtigen Kackern, die sich in den Medien zitieren lassen mit geradezu ungeheuerlichem Quatsch, etwa dem, dass die Beziehung des Mannes mit einem 16-jährigen Mädchen "einfach nicht geht." Eine nachvollziehbare Antwort darauf, warum das denn nicht geht: Fehlanzeige! Kolportiert wird das von Leuten, die zwar ohne ihre Mitarbeiter in den Landtagsbüros kaum einen sinnvollen Satz zustande bekommen, wohl aber sehr gut wissen, was "Unter 2!" bedeutet, wenn sie mit Journalisten reden, jene unsägliche Formel, mit der klargestellt wird: "Schreiberling, du darfst alles, was ich dir sage, veröffentlichen, dies aber ohne meinen Namen!" Hier also liegt der Skandal, und nicht in der Beziehung eines 40-jährigen Mannes mit einer 16-jährigen. Eine solche Beziehung mag ungewöhnlich sein, strafrechtlich relevant ist sie nicht. Und wenn hier moralisch etwas verwerflich ist, dann ist es die Tatsache, dass Leute es wieder einmal geschafft haben, einen verdienten Politiker mit einem Verrat zu stürzen und trotz und vor allem gerade wegen dieses miesen Verhaltens in der Politik weiter oben mitschwimmen können.


Dabei müsste sich das ganze, um es zu wiederholen, wegen fehlender strafrechtlicher Relevanz eigentlich einem berechtigten öffentlichen Interesse entziehen. Dass es das nicht tut, liegt leider auch an Christian von Boetticher selbst, denn er selbst war es, der das unweigerliche Junktim herstellte, das die Unionsparteien wie ein Mantra von sich hertragen: Privatleben, Beziehungen und - Moral. So hat von Boetticher kurz vor seinem Rücktritt im Landesvorstand der CDU bekannt, dass "er die moralische Komponente falsch eingeschätzt hat". Ja, ja, die Moral und das "C". Es ist schier unerträglich, dass Unionspolitiker beides, den Moral- und auch den Christenbegriff, permanent zur Privatangelegenheit deklassieren und so zu biegen versuchen, wie es ihnen gerade in ihr "christliches" Weltbild passt. Der bekannteste Kreuzfahrer auf den Moralmeeren ist der CSU-Bundestagsabgeordnete Norbert Geis. Ein Mann, der intellektuell völlig bedeutungslos ist, und dessen innere Gesinnung farblich perfekt harmonisiert mit den Exkrementen, die er während seiner Hetztiraden unter sich lässt. Geis und einige seiner Mitstreiter in der Union befinden sich auf einem Kreuzzug, die Sünder dieser Welt immer ganz fest im Visier, vor allem die Homosexuellen, Aids-Kranken, Andersdenkenden und wohl auch liebende Männer von 16-jährigen Mädchen. In einem solchen Krieg um die Deutungshoheit über Begriffe wie Werte und Moral stellen besoffene Totfahrer wie Otto Wiesheu, außereheliche Frauenschwängerer wie Horst Seehofer oder Lügner und Diebe geistigen Eigentums wie Karl-Theodor zu Guttenberg allenfalls Kollateralschäden dar, über die man nicht sprechen mag. Die Verfehlungen der Wiesheus, Seehofers und Guttenbergs scheinen in den Augen von Unionsleuten wie Geis & Co. nämlich nicht deshalb verwerflich zu sein, weil sie wirklich geschehen sind, sondern weil sie öffentlich wurden. Wer aber seine Frau zwischen Kirchgang und Weinfestbesuch zu Hause verprügelt, oder die 16-jährige Gefährtin im Keller versteckt, der darf auf mildernde Umstände hoffen.


Die CDU in Schleswig-Holstein hat - wenn sie je eines hatte - scheinbar jegliches Maß verloren, was man an vielerlei Dingen festmachen kann. Als Harry Peter Carstensen vor einigen Jahren eine Frau via Heiratsanzeige suchte, rümpften die Parteifreunde die Nase: "Das geht nicht!", war da noch eines der freundlichen Zitate. Als der Autor dieses Beitrags 1992 Gastredner beim Landestag der Jungen Union Schleswig-Holstein war, dies zum Thema "Homosexuelle heute", da skandierten etliche JU-ler laut "Arsch an die Wand!", als ich die Halle betrat, was damals nicht mit Protest, sondern mit schallendem Gelächter quittiert wurde. Unvergessen auch die Versuche, den ehemaligen Ministerpräsidenten Uwe Barschel auf Teufel komm raus reinzuwaschen und der Engholm-SPD eine Mitschuld an dieser wirklichen Affäre in die Schuhe zu schieben, die es zwar gab, nicht aber in dem Ausmaße, wie die CDU damals zu kreieren versuchte.


Das einzige, was man Christian von Boetticher zum Vorwurf machen könnte, ist, dass er diese Liebe wohl zu einem Zeitpunkt beendet hat, als ihm höhere politische Weihen, nämlich das Amt des Ministerpräsidenten, in Aussicht gestellt worden war. Damit reiht er sich ein in die Clique derer, die ihr Privatleben in der Öffentlichkeit am liebsten ungeschehen machen würden. Nicht, weil sie so souverän wären nach dem Motto "Mein Privatleben ist privat!", sondern weil sie - warum auch immer - schlicht Angst davor haben, sich ihre Karriere zu versauen. Guido Westerwelle hat seine Homosexualität jahrzehntelang verschwiegen und nimmt das Wort "schwul" bis heute nicht in den Mund. Ole von Beust hat seine Beziehung mit einem 19-jährigen Mann erst bekannt gemacht, nachdem er als Hamburger Bürgermeister abgetreten war. Und selbst Klaus Wowereits Bekenntnis "Ich bin schwul, und das ist auch gut so!", das fälschlicherweise als das wichtigste homosexuelle Bekenntnis in der Politik verklärt wird, brachte dieser erst über die Lippen, nachdem ihm seine Berater klargemacht hatten, dass ihm eine Boulevardpostille auf den Fersen ist. Sie alle bezeichnen sich als Volksvertreter, doch sind sie in Sachen Moral als Volksvertreter ungeeignet, weil sie allenfalls wissen, wie ihre Partei"freunde" so ticken, nicht aber das Volk, das in punkto persönlicher Freizügigkeit sowie in der Bewertung gesellschaftlicher Prozesse viel, sehr viel weiter ist als das Gros der Politiker. Dazu passt, wie sich ein Partei"freund" von Christian von Boetticher am Tag nach dessen Rücktritt in der "Berliner Zeitung" zitieren lässt. Eine solche Beziehung zwischen einem 40- und einer 16-jährigen "(...)geht einfach nicht. Das kann man der Bevölkerung nicht zumuten!", und die Bürger von Schleswig-Holstein würden "das nicht hinnehmen", so ein "einflussreicher Christdemokrat", der - siehe oben - natürlich ikognito bleiben möchte. Wäre es tatsächlich so, dann wären die Bürger von Schleswig-Holstein ziemlich armselige Bürger.


Christian von Boetticher ist von allen seinen CDU-Ämtern zurücktreten. Das hat auch was Gutes. Dieser Rücktritt nämlich hat deutlich gemacht, dass es an den Meeren Schlewig-Holsteins gewaltig stinkt. Und längst nicht nur da! Korrupte Politiker. Selbstvergessene Politiker. Faule Politiker. Verräterische Politiker. Verlogene Politiker. Hetzende Politiker. Politiker die gegen Gesetze verstoßen - sie sind es, die abtreten müssten. Der Rücktritt von Christian von Boetticher jedoch, dies, weil er ein 16-jähriges Mädchen geliebt hat, war unnötig und vollkommen falsch.

 

Holger Doetsch

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Kommentare: 1
  • #1

    Tim Petersen (Donnerstag, 18 August 2011 11:55)


    Sehr geehrter Herr Doetsch,

    zwei kritische Bemerkungen zum Kontext:

    1) An den Landestag der JU, der m. E. 1996 nicht 1992 statt fand (wie übrigens, um noch eine Beckmeserei anzubringen, der MP von SH Peter Harry Carstensen heißt), habe ich ganz andere Erinnerungen. Es wurde u.a. sehr offen über Rechte für homosexuelle Paare diskutert. Sie haben dazu einen autobiographisch inspirierten Beitrag anläßlich eines Todesfalles im Freundeskreis geleistet, an den ich mich, obwohl hier, wie in anderen Fragen sehr konservativ eingestellt, noch entsinne und der mich folglich berührt haben muß.
    2) Von einem Reinwaschen des bösen, bösen Uwe Barschel kann nicht die Rede sein. Es ist vielmehr so, dass die CDU zusammen mit der FDP und der Mehrheit der Mitglieder der SPD-Fraktion, die ihrerseits mit der Mandatsmajorität ausgestattet war, im Rahmen eines PUA festgestellt hat, dass die von dem Kronzeugen Pfeifer gegen Barschel vorgebrachten Beweise doch recht dürftig sind (vgl. http://www.landtag.nrw.de/portal/WWW/dokumentenarchiv/Dokument/QQD13-3225.pdf z.B. Punkt Steueranzeige gegen Engholm, S. 487).

    Im übrigen denke ich, dass Ihr Umgang mit anderen Personen in dem Artikel, aber auch im gesamten Blog (s. Heinz Eggert, Guttenberg) von einer unbarmherzigen Härte zeugt, die Ihre Sensibilität in Sachen Boetticher konterkarriert.

    Ich hoffe, trotz des letzten Absatzes konstruktiv gewesen zu sein.

    Mit freundlichen Grüßen
    Tim Petersen

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